Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde von AKIS, geschätzte Gäste aus Politik, Zivilgesellschaft und Diaspora,
wir befinden uns heute an einem besonderen Ort. Dieses Rathaus ist nicht nur ein Gebäude aus Stein und Geschichte – es ist das Herz dieser Stadt. Es ist der Ort, an dem Wien spricht. An dem Wien entscheidet. An dem Wien zeigt, wer es ist und wer es sein will.
Und genau hier hin gehört eine Veranstaltung wie diese – Wien ist, auch wenn viele das anders sehen wollen, eine Stadt, die ihre Vielfalt feiert. Eine Stadt, die weiß: Wer aus der Welt zu uns kommt, bringt die Welt zu uns. Wien ist stolz auf seine Diaspora Communities, und deswegen gehören Veranstaltungen wie diese genau hierher. Ins Rathaus.
Meine Damen und Herren,
bevor wir über AKIS sprechen – über seine Geschichte, seine Erfolge, seine Menschen – müssen wir über die aktuelle Lage in Afghanistan sprechen. Denn ohne diesen Kontext zu verstehen, können wir nicht wirklich begreifen, warum die Arbeit von AKIS so bedeutsam ist. So notwendig. So dringend.
Afghanistan ist ein Land, in dem Frauen und Mädchen seit Jahrzehnten systematisch ihrer Rechte beraubt werden.
Nicht erst seit der erneuten Machtübernahme der Taliban 2021 sondern auch immer wieder davor wurden die Uhren um Jahrzehnte zurückgedreht. Mädchen dürfen keine weiterführenden Schulen mehr besuchen. Frauen wurden von Universitäten verbannt. Verbannt vom Arbeitsplatz. Verbannt aus Parks, aus Bädern, aus dem öffentlichen Leben. Sie dürfen nicht ohne männlichen Vormund reisen. Sie dürfen ihre Stimme nicht erheben. Afghanistan ist ein Land, in dem ein Buch in den Händen eines Mädchens ein Akt des Widerstands ist.
Die Vereinten Nationen, internationale Menschenrechtsorganisationen, Rechtswissenschaftlerinnen und Rechtswissenschaftler weltweit sind sich einig: Was die Taliban den Frauen und Mädchen Afghanistans antun, ist Genderapartheit, es ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
Und genau deshalb sind wir heute hier. Denn in diese Dunkelheit hinein – seit Jahrzehnten, unermüdlich, ohne aufzugeben – trägt AKIS Licht.
Das Jahr ist 1996. Wien. Die Welt blickt auf den Balkan, auf viele Krisen gleichzeitig. Und in dieser Stadt gibt es eine kleine, kämpferische afghanische Gemeinschaft, die mit sich selbst und mit den Herausforderungen des Ankommens ringt. Ein Mann – Herr Mir – hat eine Vision. Er sagt: Wir brauchen einen Ort. Wir brauchen eine Stimme. Wir brauchen einander.
Es war nicht einfach. Nur wenige wollten Verantwortung übernehmen. Viele waren erschöpft, traumatisiert, mit dem täglichen Überleben beschäftigt. Aber Herr Mir ließ nicht locker. Mit Beharrlichkeit, mit Herzblut, mit dem unerschütterlichen Glauben daran, dass Gemeinschaft stärker macht – legte er den Grundstein für das, was heute AKIS ist.
Der Verein wuchs. Er fand Unterstützer – und das waren Menschen, die früh erkannt haben, wie wichtig diese Arbeit ist. Herr Dr. Haidar Sari vom Magistrat der Stadt Wien war einer der Ersten. Dr. Flaschmann von der Caritas Wien folgte. Und mit der Zeit wuchs ein Netzwerk an Schulter-an-Schulter-Partnern, das heute beeindruckend ist: die Stadt Wien, die Caritas, die Asylkoordination, das VIDC, der ÖGB, die Arbeiterkammer. Diese Institutionen haben nicht nur applaudiert – sie haben mitgearbeitet, mitgetragen, mitgekämpft.
Das Motto von AKIS lautete von Anfang an: „Wir übernehmen das Gute aus der österreichischen Kultur und bringen gleichzeitig die positiven Seiten unserer eigenen Kultur ein.”
Das ist Integration. Nicht Assimilation. Nicht Aufgabe der eigenen Identität. Sondern das mutige, stolze Zusammenführen zweier Welten zu etwas Neuem, zu etwas Größerem.
Über 30 Jahre Arbeit. Mehr als 32.000 Menschen direkt oder indirekt unterstützt – in Asylfragen, bei der Dokumentenanerkennung, in der Familienberatung. Integrationskurse, Gewaltprävention, Extremismusbekämpfung, kulturelle Brücken durch Konzerte, Filmvorführungen, Theater. Sportprogramme für Jugendliche. Konferenzen gegen Gewalt an Frauen. Europäische Vernetzung.
Das sind keine Zahlen. Das sind Menschenleben.
Und ein Großteil dieser Arbeit – das dürfen wir heute nicht verschweigen – wird von Menschen geleistet, die dafür keinen Lohn empfangen. Menschen, die nach einem langen Arbeitstag noch Beratungsgespräche führen. Die am Wochenende Veranstaltungen organisieren. Die ihre Freizeit, ihre Energie, manchmal ihre eigenen Ressourcen einbringen, weil sie glauben – weil sie wissen – dass es jemanden braucht, der da ist. Ehrenamtliches Engagement ist nicht selbstverständlich. Es verlangt viel ab. Und doch ist es genau dieses Ehrenamt, das den gesellschaftlichen Zusammenhalt in unserer Stadt trägt. Ohne Menschen wie jene bei AKIS wäre Wien eine ärmere Stadt – nicht materiell, sondern menschlich.
Und AKIS wurde dafür mit zahlreichen Preisen und Ehrungen anerkannt. Auszeichnungen, die zeigen: Diese Arbeit wird gesehen. Diese Arbeit trägt Früchte.
seit 2005 hat AKIS über 80.000 junge Frauen und Mädchen in Kabul im Bildungsbereich gefördert. In Zusammenarbeit mit Jugend Eine Welt und den Salesianern Don Bosco wurde eine Brücke gebaut – von Wien nach Kabul. Eine Brücke, über die Wissen fließt, wo Verbote herrschen. Eine Brücke, über die Hoffnung fließt, wo Verzweiflung regiert.
80.000 Mädchen. 80.000 Mal die Chance, einen Stift in die Hand zu nehmen.
Und dieser Stift – meine Damen und Herren – dieser Stift ist die mächtigste Waffe, die es gibt. Bildung kann eine Gesellschaft verändern. Bildung stirbt nicht. Bildung wandert weiter, von Mädchen zu Mädchen, von Mutter zu Tochter, von Generation zu Generation.
Wer einem Mädchen das Lesen beibringt, gibt ihr etwas, das ihr niemand mehr nehmen kann. Eine innere Freiheit. Eine Stimme. Eine Zukunft.
Stift und Stimme – das sind die wahren Waffen gegen Unterdrückung. Und AKIS gibt sie weiter. Seit zwanzig Jahren. Unermüdlich.
Sehr geehrte Damen und Herren, wenn man über AKIS spricht, spricht man über mehr als einen Verein. Man spricht über eine Überzeugung. Die Überzeugung, dass Bildung ein Menschenrecht ist – für jeden Menschen, auf jedem Kontinent, unter jedem Regime. Die Überzeugung, dass eine Gemeinschaft in der Fremde nicht schweigen, sondern sprechen muss – für jene, denen die Stimme genommen wurde. Die Überzeugung, dass Wien und Kabul nicht zwei verschiedene Welten sind, sondern zwei Punkte auf derselben menschlichen Landkarte.
AKIS hat bewiesen: Ein Verein, gegründet von einem einzigen beharrlichen Mann im Jahr 1996, kann etwas bewegen. Kann 80.000 Leben berühren. Kann eine Brücke bauen, die Verbote trotzt.
Das ist die Kraft der Zivilgesellschaft. Das ist die Kraft der Diaspora. Das ist die Kraft, die in diesem Rathaus heute gefeiert werden soll – und gefeiert werden muss. Dafür gebührt Herrn Mir ein ganz besonderer Dank und Applaus. Das beste Zeichen für den Erfolg dieser Arbeit ist aber wohl auch, dass wir heute so viele junge Stimmen der AKIS Familie auf der Bühne erleben durften. Die Idee und das Engagement werden weitergetragen.
Herzlichen Glückwunsch, AKIS. Auf die nächsten dreißig Jahre.
Danke.







